von Julia Bachmann @jlsbl

Ich war aufgeregt. Freudig aufgeregt.

Denn: Heute war der Tag.

Der Himmel war grau; Nieselregen benetzte meine kurzen Haare, als ich aus der Haustür trat. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen, stellte mir vor, es wäre die spritzende Gischt der Brandung. Es war kalt, lediglich drei Grad. Dabei hatten wir es Ende März und ich hoffte noch immer auf Frühling – vergeblich.
Doch nichts konnte meine gute Laune trüben. Wenn die Sonne nicht strahlte, dann eben ich.

Denn heute war der Tag.

Um sieben musste ich auf Arbeit sein. Jedes Mal aufs Neue würde ich lieber die Decke über den Kopf ziehen; jedes Mal fragte ich mich, warum der Wecker so zeitig klingelte; jedes Mal bereute ich, zu spät zu Bett gegangen zu sein. Und jedes Mal würde ich lieber zum Bahnhof fahren und in den nächsten Zug Richtung Meer steigen.

Heute war es anders: Ich stand direkt nach dem vierten Weckerklingeln auf, nicht erst zehn Minuten bevor ich losmusste. Ich hatte mich geschminkt, eine schicke Bluse und eine frisch gewaschene, schwarze Jeans angezogen, sogar meine Stiefeletten mit Absatz. Gewöhnlicherweise trug ich die Jeans vom Vortag, den Pullover, der im Schrank oben auf dem Stapel lag, dreckige Turnschuhe, die Haare so, wie ich aufgestanden war, und Make-up war für mich ein Fremdwort – ganz nach dem Motto: Auf Arbeit sieht mich eh niemand.

Die Absätze meiner Schuhe klapperten auf den Pflastersteinen, während ich in meinen karierten Mantel gehüllt zur Arbeit lief. Ich dachte daran, wie der Sand am Meer meine Schritte verschluckt hatte, und schmunzelte – ich konnte in diesem Moment kaum weiter von einem Strandspaziergang entfernt sein. Nur noch etwas mehr als sieben Stunden – sechs davon würde ich im Büro verbringen.

Dort angekommen, fiel mein Blick auf die Muscheln aus dem letzten Nordseeurlaub, die den Schreibtisch meiner Kollegin schmückten. Während ich Rechnungen bearbeitete, beobachtete ich durch die hohen Altbaufenster Maske tragende Menschen die Straßen der Innenstadt entlanglaufen. Manche eilten, andere schlenderten – jede:r hatte sein Tempo.
Zum Arzt, zum Einkaufen, zum Spaziergang, zum Date, vielleicht zum Click&Meet – andere Möglichkeiten gab es kaum. Und hatte ein Click&Meet nicht auch Date-Charakter? Sich online zu verabreden, um in diesen Zeiten etwas besonderes zu erleben.

Willkommen in 2021. Wo man sich Gesellschaft jeder Art online buchen oder suchen kann. Wo man die Möglichkeit hat, Urlaub auf Mallorca, aber nicht in Deutschland zu machen.

Ich brauchte kein Mallorca: Ich suchte mir meinen eigenen Urlaub. Denn Urlaub hat irgendwie die Bedeutung des Großen verloren; Urlaub meinte vielmehr Erholung, Entspannung, etwas anderes als Alltag.

Und wie viele Orte waren nach einem Jahr Pandemie nicht mehr alltäglich?
Wie erholsam kann doch ein Friseurbesuch nach vier Monaten sein! Wie schön ist es plötzlich, durch ein Geschäft zu schlendern! Oder auch nur für ein paar Stunden an einen anderen Ort, in eine andere Stadt zu fahren. Andere Augen über den Masken zu sehen, sich von unbekannten Gebäuden auf seinem Spaziergang begleiten zu lassen, den Cappuccino to go in einem fremden Café mitzunehmen, …
oder in die Natur zu fahren – die Heimat neu entdecken, den nahegelegenen See oder Wald, Plätze, die wir früher liebten. Nur die Augen schließen und –
frei. Atmen.

Tief. Einatmen.

Sorgen. Ausatmen.

Urlaub hat seine Dimensionen verloren – Urlaub ist zum Gefühl geworden.

Und ich fühlte es heute, denn es war der Tag. Der Tag meines Fünf-Sterne-Wellness-Urlaubs, der Tag meiner kleinen Unalltäglichkeit. Ich verreiste aus Pandemie nach Normalität, ließ für einen Augenblick den Alltag hinter mir. Denn zum ersten Mal seit sieben Monaten…

würde ich in ein Museum gehen.