von Moritz @moritz_811

Wir sind jung, sie 22, ich 24 und möchten allen voran uns selbst beweisen, dass ein Leben mit Kind, Studium und der Verwirklichung unserer eigenen Wünsche möglich ist. Schnell werden wir deutlich daran erinnert, dass das eine Aufgabe ist, an der wir zu scheitern drohen.

R. schreit. Ich schaue auf den Wecker, er zeigt vier Uhr an. Keine zwei Stunden geschlafen. Ich hoffe unsere Mitbewohner*innen bereuen es noch nicht, dieses Abenteuer mit uns gewagt zu haben.

Als sie mir gesagt hat, dass sie schwanger ist, war ich erleichtert. Ich hatte wegen ihres ernsten Tonfalls erst gedacht, sie wolle mich verlassen. Glück gehabt. Dann die Erkenntnis.  Schwanger. Abgefahren!

Die Entscheidung fiel nach einer Woche mit Beratungsgesprächen, Geldsorgen und Pro- und Contra-Listen. Wir werden Eltern, sie Mutter und ich Vater. Das hat sich noch lange fremd angefühlt. Gleichzeitig ist in mir eine große Vorfreude gewachsen, als erstes in unserem Freund*innenkreis ein Familienleben zu gestalten.

Unsere Ansprüche waren schnell formuliert: Wir wollen ein selbstbestimmtes Leben, als Eltern und als Paar und dabei ein Kind großziehen, das diskriminierungssensibel, privilegienkritisch und möglichst frei von Geschlechterrollen aufwächst. Das sind mindestens fünf Hochzeiten, auf denen wir da tanzen wollen.

Foto: Violeta Pelivan

Ich will dabei ein männlichkeitskritischer Papa sein. Das bedeutet vor allem Care-Arbeit: Waschen, kochen, putzen, Windeln wechseln; wie auch R. möglichst von konstruierten Geschlechterrollen fernzuhalten. Das scheitert in der ersten Stunde von R.s Leben mit einem blauen Fußabdruck, den die Hebamme nach der Geburt selbstverständlich nimmt. Im Gang hängen Abdrücke von allen geborenen Kindern, fein säuberlich aufgeteilt in rosa und blaue Füße.

Wir sind privilegiert. Beide weiß, cis-hetero und bekommen viel Unterstützung von unseren Familien. In dieser Zeit steigt mein Respekt für alleinerziehende junge Eltern, die von Diskriminierungsstrukturen betroffen sind, ins Unermessliche.

Für uns sind unsere guten Vorsätze also unverhältnismäßig leicht zu verwirklichen. Dennoch merken wir, wie wir Stück für Stück patriarchalen Mustern auf den Leim gehen. Sie kommen durch die Hintertür, ohne anzuklopfen, langsam und heimlich. Wenn sie wieder Kleidung und Windeln für das kleine Wesen bekommt. Wenn ich wieder anfange, den Versorger zu spielen. Wenn wir gefragt werden, ob wir jetzt heiraten und wenn dann doch die Angst kommt, dass ein Kind bekommen Selbstaufgabe bedeutet, weil ich Angst habe, dass meine Träume zu kurz kommen, unsere Beziehung sich verwäscht und aus einem Liebespaar voller Tatendrang nur noch ein gutes Kinder-Management-Team wird.

Ich frage mich, ob es egoistisch von mir ist, genau das nicht zu wollen. Meine Eltern haben mir eine wunderbare Kindheit geschenkt und mir ermöglicht mit einer Zuversicht in die Welt zu gehen, für die ich ihnen ewig dankbar sein möchte. Trotzdem hatte ich immer den Eindruck, sie waren nicht glücklich, dass sie ihren Wünschen, Impulsen und Träumen nicht gefolgt sind oder nicht folgen konnten, unter anderem auch wegen mir und meinem Bruder. Ich traue mich nicht das anzusprechen, habe Angst sie vor den Kopf zu stoßen und es belastet mich bis heute.

Ich möchte, dass unser Kind Eltern hat, die miteinander wachsen und Veränderung anstreben – Politisch, privat wie auch persönlich. Indem wir etwa unserem Umfeld vorleben, dass eine Familie jenseits von Reihenhäusern, männlichen Versorgern und Auto funktioniert, dass weiße Kinder mit einem Verständnis der eigenen Privilegien diskriminierungssensibel aufwachsen können, dass ein veganes Kind mindestens genauso gesund auwächst, wie ein omnivores, und dass ein Kampf für eine gerechtere, solidarischere Welt mit einer florierenden Familie vereinbar ist. Vielleicht ist der Gedanke, dass das auch besser für R. ist, eine Ausrede für meinen Egoismus. Vielleicht aber auch ein schönes Zusammenspiel.

Ich schreibe diesen Text, während sie erschöpft von der Geburt mit R. im Bett liegt und stillt. Ich wache mit ihr auf wenn sie stillt, fühle mich überflüssig. „Schlaf weiter“ sagt sie zu mir. Das gibt mir am Tag Energie, Dinge zu tun, während sie weiterhin regeneriert. Sie verbringt mehr Zeit mit dem Kind. Ich organisiere Ärzt*innenbesuche, fahre Einkaufen, bin in der WG aktiv und nehme an Zoom-Sitzungen teil. Ich möchte nicht der nächste linke Macker sein, der sich feministisch äußert und auf Demos inszeniert, während sie zu Hause das Kind hütet. Davon gibt es genug.

Ich will vormittags gemeinsam die Familie gestalten, nachmittags zu dritt für Gerechtigkeit kämpfen und abends unsere Beziehung und die Vorzüge des Studilebens – Party, Spontaneität, Geselligkeit, genießen, zusammen Abenteuer erleben.

Doch der Schlafmangel tritt unsere guten Vorsätze mit Füßen. Ich drehe mich um und schlafe weiter.