Ich habe da so einen Freund. Er wohnt bei seinen Eltern, ist noch Schüler und versteckt sich täglich vor dem realen Leben. Eigentlich könnte man denken, sein Leben bestünde nur aus Arbeit und Schlafen.

Er kann nicht mehr schlafen, ihn belastet etwas und er stürzt sich in Arbeit: vier Ehrenämter, viele Freund:innen, die doch keine richtigen Freunde sind und die Schule, das zerrt an seinen Nerven, man merkt es. Jeden Tag zwei Liter Kaffee und 200 Kilometer lange Augenringe, keine Konzentration. Und nun auch noch das. Er hat kaum geschlafen, kommt übermüdet zum Schulbeginn und nickt während des Unterrichtes fast ein.

In der Pause steht er auf dem Pausenhof. Er steht da einfach nur. Er spricht mit niemandem und wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, bekommt man die Antwort: „Ja, alles gut“. Es ist wieder diese verdammte 20-Minuten-Pause, an der er allein auf dem Pausenhof steht und mit niemandem redet. Zum Pausen-Ende geht er rein und im Vorbeigehen hört er, wie er als „Schwuchtel“ bezeichnet wird. Er hatte sich erst vor wenigen Wochen bei seiner Klasse als „Bi“ geoutet. Was keiner weiß: Ihn verunsichert das stark, er füllt sich nicht „angekommen“.

Damit hört es nicht auf. Die Beleidigungen wiederholen sich, die Lust zur Schule zu gehen, sinkt. Er war nun drei Tage nicht mehr in der Schule, keiner hat ihn gefragt, wie es ihm geht und eigentlich hat er auch keine Kraft mehr, zum Unterricht zu erscheinen. Die Ehrenämter lässt er schleifen, liegt lieber im Bett und hört Musik, die er in Phasen, in dem es ihm nicht so gut geht, abspielen lässt. Zwischendurch hat er von seinem Arzt zum Einschlafen Schlafmittel und Antidepressiva bekommen, zum Glück braucht er diese gerade nicht mehr.

Er hatte das Gefühl, nicht geliebt zu werden. Er hat das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Aber dennoch gibt es irgendwo in seinem Kopf eine Stimme, die sagt: „Hey, ich bin für dich da“.

Er sehnt sich nach einer zweiten Persönlichkeit in ihm selbst. Sie wärmt ihn, sie gibt ihm das Gefühl nach Liebe, Geborgenheit und „okay sein“. Doch dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt.

Im Sommer wagte er den Anlauf in Richtung „Erwachsen werden“ und schenkte seinen Freund:innen reinen Wein ein, indem er sich bei ihnen outete. Er mag dieses Wort aber eigentlich nicht, es klinge so erzwungen.

Abends macht er noch eine Instagram-Story, in der er sein „Problem“, nicht straight-hetero zu sein, anspricht. Er stellt die Story dabei aber so ein, dass nur Menschen diese sehen, die das gleiche Problem wie er haben, oder die, denen er vertraut. Er erzählt, dass 20 Menschen die Story sehen können. 14 tun dies auch, fünf reagieren, alle, reagieren positiv und supporten ihn.

Was nur wenige Menschen zu diesem Zeitpunkt wissen: Er liebt, doch innerlich stirbt ein Teil seiner Seele. Die feindlichen Beleidigungen, die er zuvor bekommen habt, viele haben sie als „homophob“ abgestempelt und reden nicht mehr darüber. Doch es ist keine Homophobie. Es gibt keine Angst vor queeren Menschen! Es ist einfach blanker Hass.

Die Person, die damals, wahrscheinlich ohne wirklichen Hintergrund, jemanden als „Schwuchtel“ betitelt hat, wusste wahrscheinlich nicht, dass sie ein innerliches Koma beim Gegenüber hervorgerufen hat, und doch möchte ich, dass sie weiß, dass das Ganze nicht okay war. Kein Mensch hat es verdient, mit solchen aggressiven und verletzenden Worten beleidigt zu werden.

Keiner weiß, wie es diesem einem Freund geht, er kann jederzeit mitten in deinem Leben sein, ohne, dass du es weißt. Das „Weghören“ bei homofeindlichen Aussagen, ich halte es nicht mehr aus, dieses „Schweigen“, diese toxische Männlichkeit. Wo ist unsere Gesellschaft nur 2021 gelandet? Können wir nicht alle „normal“ sein und unser „anders sein“ akzeptieren? Diese Zeit zu beenden und in eine Zeit zu gehen, in der „anders“ sein „normal“ sein wird.