Joshua Groß schafft mit seinem Debütroman Flexen in Miami (Matthes & Seitz Berlin 2020) unterhaltende Popliteratur für den Pool-Urlaub. Something to say– Redakteur Lukas Siebeneicker hat das Buch rezensiert.

Ein Roman, der so schwebt wie eine Qualle? Foto: Connor Carruthers/unsplash

Der junge Schriftsteller Joshua bekommt ein Stipendium bei einer amerikanischen Literaturstiftung und zieht nach Miami. Dort kifft er lieber als zu schreiben und vertreibt sich die Zeit mit Sportwetten, dem Videospiel Cloud Control und dem Lösen seines größten Problems: dem Ausschalten der überambitionierten Klimaanlage. Er verliebt sich in die Meeresbiologin Claire, die am Ende ein Kind bekommt, das vielleicht von ihm ist. Im Laufe der Erzählung gerät Joshua in einen beklemmenden Sog magisch-dystopischer Ereignisse. So wird seine Wohnung bald von „verfickt gruseligen“ Drohnen überwacht und sein Avatar im Videospiel von geheimen Kräften angegriffen. Immer stärker verliert der Protagonist den Bezug zur Realität, begibt sich mit seinem neuen exzentrischen Freund, dem Rapper Jellyfish P, und dessen Kumpel Hajo auf einen Männer-Tesla-Roadtrip, um „Impaktglas aus einem Paralleluniversum“ zu suchen. Doch es kommt zu Schwierigkeiten.

Alles scheint auf einen großen Knall hinauszulaufen, doch es knallt nicht. Der Erzählstil ist linear, unaufgeregt und konventionell. Der Autor rechtfertigt diese kraftlose Erzählweise gleich auf der ersten Seite damit, dass Joshua nun mal emotional fragil sei und er deshalb so viel Marihuana rauchen müsse. Der Ich-Erzähler stumpft durch den Drogenkonsum sichtlich ab und wandelt abgefuckt und high durch die Erzählung.

Trotzdem ist der Text nicht langweilig, denn dem 1989 geborenen Autor gelingt der Aufbau einer mitreißenden, beklemmenden Stimmung. Diese besteht einerseits aus dem Lebensgefühl des Protagonisten; Joshua ist müde vom Leben, ängstlich und paranoid – gleichzeitig aber auch sehr zufrieden und entspannt, wenn er z. B. Sex mit Claire hat. Andererseits funktioniert die Atmosphäre über die sprachlichen Bilder, die Groß kreiert. Einmal „sinkt“ der blassen Lichtschaum der Neonreklame eines Hotels in ihn hinein. Das ist zum einen eine Hommage an Hendrik Otrembas Dystopie-Roman Über uns der Schaum (Verbrecher Verlag 2017), zum anderen gibt dieses diffuse – aber nicht schiefe -Bild auch gut den benebelten Gemütszustand des Protagonisten wieder.

Groß zeichnet mit seinem Protagonisten ein detailliertes Porträt des ausgesprochen gegenwärtigen Männerphänomens; den „Softboi“. Der Begriff bezeichnet junge Männer, die Frauen mit prätentiösem, pseudo-intellektuellem Gehabe von sich überzeugen wollen und dafür ihre Aufmerksamkeit verlangen. Joshua ist in seinen schwachen Momenten so ein pubertärer nice guy, der mit seiner hohen Verwendung von Anglizismen („edgy“, „Trap“, „vibe“) etwas affektiert wirkt. Das wird auch daran deutlich, dass er sich über die Kulturgüter, die er konsumiert, definiert. Für den stereotypen Softboi sind es die Werke Wes Andersons, Quentin Tarantinos oder Charles Bukowskis. Für Joshua ist es wichtig, dass er Frank Ocean und Haiyti hört oder den Zweiten-Weltkriegs-Film Nacht und Nebel schaut. Immerhin hält er sich deshalb nicht für etwas besseres. Sympathisch ist auch, dass Groß sich aus seiner Kritik an dieser neuen Männlichkeit nicht ausnimmt, schließlich haben Autor und Ich-Erzähler identische Namen. Das gibt der Erzählung eine leichte Selbstironie, ohne die ein zeitgenössischen Roman auch nicht mehr auskommt.

Ein immer wiederkehrendes Motiv ist die Qualle. Sie steckt im Namen des Rappers Jellyfish P, sie ist als „Kompassqualle“ die Gehilfin im Videospiel Cloud Control und zusätzlich auch das Forschungsthema der Meeresbiologin Claire. Für Groß ist das eine einzige große Metapher; sie stellt die Alternative zu den individualistischen menschlichen Figuren des Romans dar. Denn sie ist keine eigene Tiergattung, sondern ein mögliches Stadium von symbiotisch lebenden Nesseltieren. Sie steht symbolisch für Metamorphose und unantastbare Leichtigkeit. Der Roman selbst schwebt eigentlich auch an der Wasseroberfläche der Literatur. Dass er nicht in tiefere literarische Schichten vordringt, entschied auch die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises.

Besonders ist auch die Rolle der technischen Apparate in diesem Roman, deren sanfter Existenzialismus vielleicht nicht neu, aber ansprechend ist. So entlässt Joshua betrübt einen Pool-Reinigungsrobotor ins freie Meer, den er zuvor in der Badewanne gehalten hatte. Der Protagonist hegt und pflegt diese Maschine – aus Zärtlichkeit. Noch interessanter ist jedoch die letzte Szene, in der der intelligente Kühlschrank, der sich innerhalb der Erzählung rührend um Joshuas Wohlbefinden kümmert (Liebestipps und Astronautennahrung-Sendungen), in eine neue Wohnung transportiert werden soll. Er fürchtet sich davor, vom Stromnetz ab- und wieder angeschlossen zu werden, denn: „Was ist, wenn ich dann nicht mehr der selbe bin?“. Diese Maschine hat also ein Bewusstsein und sorgt sich um sich und seinen Besitzer. Entfernt erinnert dieser Kühlschrank an den ersten Chatbot ELIZA, der von dem Gesellschaftskritiker und Informatiker Joseph Weizenbaum vor mehr als 50 Jahren entwickelt wurde. Der Bot stellte einfache, aber aufmerksame Fragen, die Nutzenden fühlten sich emotional verbunden, umkümmert und umzärtelt. Vielleicht ist das die versteckte, beruhigende Botschaft des Romans; menschliche Beziehungen sind oft nervenaufreibend und kompliziert, doch bald kommen die weniger anspruchsvollen Maschinen, die wir so lieben können, wie wir wollen.

Joshua Groß gelingt es mit Flexen in Miami eine hübsche, zeitgeistige Geschichte zu erzählen, die von ihren sprachlichen Bildern und dem Quallen-Motiv lebt. Sein Erzählstil versucht aber wenig neues und die ironische Figur des sinnsuchenden jungen Mannes wirkt zu oft plattitüdenhaft. Man kann nur hoffen, dass Groß seinen Schnorchel beiseite legt und mit neuem Gerät bald in anspruchsvollere literarische Tiefen vordringt.


Information
Flexen in Miami Joshua Groß Matthes & Seitz Berlin 2020, 199 S., 20€