Kunst ist tot? Nicht die Performance auf dem Osnabrücker Festival Young Urban Performances. Dort pulsiert sie in den Werken renommierter internationaler Künstler:innen. Besonders die jungen zeigen, dass die Kombination aus Action und Fun alles andere als langweilig ist.

Eier und Pistolen sind für Egon Erwin Kisch zauberhafte Dinge – kombiniert werden sie in der „Betwixt and Between“-Installation von Robert Ladislas Derr auf dem YUP. (Foto: Lukas Siebeneicker)

Es wird einfach zu früh dunkel an diesem kalten Samstagnachmittag. Gerne würde man durch die schöne Osnabrücker Altstadt schlendern, doch Dunkelheit und Kälte hetzen die Menschen von A nach B. Vor dem Haus der Jugend stehen ein paar Studierende, sie halten brennende Zigaretten mit frierenden Fingern. Hier und in der Osnabrücker Kunsthalle wird heute das Festival Young Urban Performances (YUP) stattfinden. Die Organisator:innen stellen ein vielseitiges Programm vor, das sich dem Überthema „besorgt“ annehmen will. Sie möchten sich positionieren, provozieren und das Gefühl mittels Performance-Kunst erfahrbar machen. Doch funktioniert das?

Drinnen empfängt eine wohlige Atmosphäre den Besucher, das Foyer ist in warmes Licht getaucht. Eine Gruppe junger Erwachsener steht an der Bar und diskutiert über das Programmheft. Womit soll man anfangen? Ein kurzer Blick auf den Fußboden erklärt das weitere Vorgehen – die Wege zu den einzelnen Installationen sind mit beschriftetem Kreppband auf den Boden geklebt.

Durch einen verwinkelten Gang gelangt man in die dunkle Turnhalle im Haus der Jugend. Ein einzelner großer Bildschirm im Hochformat steht auf dem Hallenboden, sonst nichts. Um ihn herum sitzen ein paar Menschen. Neben amüsierten Student:innen sind auch ein paar Bildungsbürger:innen vor Ort, die eher irritiert die überdrehten Jugendlichen auf dem Display verfolgen. Einmal ist ein dicker Mann mit Schwimmbrille zu sehen, er hängt kopfüber von der Decke eines Clubs – auf seinem nackten Bauch steht „Comme des Garçons”, das Logo der Avantgarde-Modemarke. Ein paar Szenen weiter beschmieren die Feiernden berauscht ein Polizeiauto und stecken es anschließend in Brand. Während dieser Szenen kann man folgende Sätze teils lesen, teil hören:

213: Selbstporträt
214: Selbstporträt mit Maske
215: Selbstporträt als jemand anders
216: Selbstporträt als Thomas Anders
217: Selbstporträt als Adolf Hitler
219: Selbstporträt als Adolf Hitler gut getroffen
218: Selbstporträt als Daniel Kehlmann[1] – schlecht getroffen
220: Scheisse meine Katze brennt

Es ist die Videoinstallation der Frankfurter Hauptschule. Diese ist ein fiktives Kollektiv, das die Grenzen der Kunst im öffentlichen Raum erforscht. Mit dem Titel „242 Titel besser als Martin Kippenberger“ veralbern sie zum einen den verstorbenen Künstler[2], der 1986 das Buch „241 Titel zum Ausleihen für Künstler“ veröffentlichte. Er begründete eine Methode, in der vorgefundenes Sprachmaterial neu montiert und assoziationsreich verfremdet wird. Zum anderen persiflieren die „Hauptschüler“ die Social Media-Kultur mit ihrer schnellen Wiedergabe von Informationen, die oft nur ein „Insider-Publikum“ versteht und alle anderen befremdlich finden. Sie ermutigen dazu, aktiv zu werden und wie sie der kulturellen Hegemonie den Mittelfinger zu zeigen.

Auf einmal kommt ein Ruck in die Menschen, gleich fängt der „Artist Talk“ an. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort schauen sie sich schnell noch weitere, eher wirre Installationen an. So wird z. B. im Flur, in einem dunklen Raum ein Video gezeigt, in dem ein nackter Mann mit Gewehr zu sehen ist. Jedes Mal wenn er „Bäng“ ruft, wird ein Ei auf ihn geworfen. Stirnrunzelnd gehen sie an dem völlig mit Eiweiß und Dotter überströmten Mann vorbei Richtung Großer Saal. Dort findet gleich das einstündige Künstlergespräch statt. Es ist der theoretische Höhepunkt des Abends. Auf zwei Sofas sitzen die Künstler:innen Mavi Garcia, Simon David Zeller, Johannes Deimling und die Moderatorin. Das Thema des Gesprächs, wie das des Festivals, ist das Stichwort „besorgt”.

Gemeinsam definieren sie das Besorgt-Sein als passive Vorstufe zum Handeln. Garcia, die Künstlerin mit spanischem Akzent, hält es zum einen für „phantomartig“, weil es als diffuse Intuition oft schwer fassbar ist. Zum anderen findet Deimling, ein Mittfünfziger mit bunten Socken, dass es nur ein „vorgeschobenes politisches Argument“ sei. Dieses könne, wie z. B. bei PEGIDA, dazu dienen seinen eigenen Hass und Rassismus zu legitimieren. Doch vielleicht ist es auch eine Frage von „ownership“ (also Deutungshoheit). Deimling fragt: „Wer ist wirklich besorgt? Sind die Rechten besorgt? Sind wir besser besorgt?“

Für die Künstler:innen ist der nächste Schritt der künstlerische Ausdruck. Zeller, ein junger Mann im grauen Turtleneck, will mit Kunst Gefühle wie Besorgnis sichtbar machen und den Diskurs ad absurdum führen. Gerade bei Performance-Kunst ließen sich Gefühle, und so auch Besorgnis, gut einem Publikum deutlich machen. Der Effekt werde nämlich durch das Wesen der Performance, den Boom-Faktor, verstärkt: Zuschauer würden als Multiplikatoren fungieren und die Idee weitertragen.

Nach dem langen Sitzen und Zuhören brauchen viele ein wenig Abwechslung. Ermüdet verlassen sie also den Saal und gehen Richtung Bar. Am Tresen im Erdgeschoss im Haus der Jugend stehen schon ein paar Studierende und trinken Bier, die Stimmung ist gelöst. Manche kaufen ein Poster oder Socken mit dem YUP-Logo.

Nach einer kurzen Rast geht es wieder hinaus in die kalte Nacht, denn die nächste Veranstaltung findet in der Kunsthalle Osnabrück statt. Diese befindet sich in den Räumen eines ehemaligen Dominikanerklosters aus dem 13. Jahrhundert. Ein Pärchen geht lachend durch das Portal des Gotikbaus.

Ein krönender Abschluss ist die letzte Performance dieses Tages.  Gleich geht es im benachbarten, fast vollkommen verdunkelten, Kirchenschiff los. Während sie sich an die Schwärze gewöhnen schauen sich die Leute um. Obwohl weniger als 80 Menschen auf den Bänken an den Wänden Platz nehmen, fühlt es sich an, als wären Hunderte im Raum. Jeder Schritt, jedes Wort hallt aufgrund der extrem hohen Wände. Manche schauen hoch, an die Decke und entdecken einen einsamen, weißen Heliumballon, der dort hängt. Was wird hier gleich passieren?

Langsam kommt eine Gruppe seltsam aussehender Personen in den Raum. Alle tragen voluminöse Gewänder aus dunklen Stoffen. Zusätzlich halten manche große Ballons in den Händen oder in Tragekonstruktionen. Sie scheinen identisch mit dem zu sein, der an der Decke hängt. Noch wirken sie vordergründig nutzlos, vielleicht liegt in ihnen jedoch ein zweiter, versteckter Sinn. Im Hintergrund ist ein Röhren und Pfeifen zu hören, das, mehr Soundtrack als Sirene, eine dunkel-euphorische Atmosphäre aufbaut. Zusammen ergibt sich ein stimmiges Endzeitszenario ohne Gewalt und Schmerz – ein geheimnisvoller, fast freundlicher Fallout.

Geleitet wird das Projekt von der Autorin Mira Mann. Sie initiierte einen Open Call, zu dem sich 12 Personen gefunden haben die, teils unerfahren, nun an der Performance teilnehmen. Die Künstlerin selbst trägt den titelgebenden Text „Shelter of Tales“ vor, der die narrative Basis der Vorführung ist. Der Text ist vollkommen auf Englisch und bedient sich mit u. a. Robert Frost und Lana Del Rey verschiedener literarischer Inspirationen.

Eine scheinbar unendlich viele Jahre alte Frau schleppt sich an einem Rollator in Richtung hinteres Kirchenschiff. Auch sie zieht einen Ballon hinter sich her. Er ist hell erleuchtet und an einer reflektierenden Decke befestigt. Diese legt sie sorgfältig auf den Boden – doch anstatt sich zu setzen, packt sie eine Packung Mehl aus und beginnt sie zu verstreuen. Wird sie etwas Bestimmtes zeichnen oder ist alles Zufall?

Auf einmal leuchten alle anderen Ballons ebenfalls auf. Wie Monde bewegen sie sich in der sakralen Atmosphäre zu Enyas „Only Time“. Zwei Tänzer kommen in die Mitte der Halle. Voller Eleganz bewegen sie sich zur Hintergrundmusik. Sie berühren sich ununterbrochen, legen manchmal den eigenen Arm auf die Schulter des anderen. Die Stimmung ist romantisch, aber nicht zu sehr. Sie verbeugen sich und verschwinden grazil vom Raumzentrum.

Die alte Frau verteilt immer noch Mehl, allerdings setzt sich nun ein Mann auf die ausgelegte Decke. Er trägt ein futuristisch anmutendes Gerät auf seinem Rücken, aus dem langsam Dampf entweicht. Routiniert führt der Mann den dazugehörigen Schlauch an seinen Mund und beginnt die Luft zu inhalieren.

Zwei Zuschauerinnen stehen auf und legen sich wie selbstverständlich auf den Boden. Sie beobachten, wie die Alte zurückkommt – ihr Werk ist vollendet. Erst wenn man aufsteht, erkennt man, dass die gestreute Figur, mit zwei Armen und zwei Beinen, einen Menschen darstellen soll. Sodann setzt sich die alte Frau zu dem Mann auf die Decke und sie fangen an, zusammen zu dampfen. Im Hintergrund spielen sie Lana Del Reys „Hope is a dangerous thing for a woman like me to have – but I have it“. Es wirkt wie eine angenehme, fast erstrebenswerte Form des Beisammenseins.

Doch ihre Zweisamkeit währt nicht lang – ein paar Minuten später packt sie die Decke zusammen und der Mann geht in Richtung Mitte. Ist die vertraute Verbindung aufgekündigt? Die Alte steckt die Decke also zurück in den Platz in ihrem Rollator und bindet sich den Ballon wieder an. Alles scheint sich plötzlich auf einen Punkt im Zentrum zuzubewegen. Die beiden Protagonisten von eben sind schon da, als vier andere auch dazukommen. Es ist ein besonderer Moment, denn auf einmal stehen sie alle zusammen da – in Freundschaft und Harmonie.

Wie ein einheitlicher Chor lesen die Figuren die Gebote am Ende des Textes. Die Spannung intensiviert sich stetig, immer stärker betonen sie ihre Inhalte. Es sind Ernest Callenbachs „Earth‘s Ten Commandments“, die einer Öko-Utopie die moralischen Grundpfeiler geben. Gerade mit Blick auf die weltweiten Klimaproteste sind sie von verstärkter Relevanz:

„1. Thou shalt love and honor the Earth, for it blesses thy life and governs thy survival. (…)
3. Thou shalt not hold thyself above other living things nor drive them to extinction. (…)
10. Thou shalt consume material goods in moderation so all may share Earth’s bounty.“

Zack – die Ballons gehen aus, die Darsteller:innen verbeugen sich. Unter Applaus gehen sie geschlossen zu Kirchentür hinaus. Der Rest bleibt begeistert zurück und lauscht der ultraromantischen Atmosphäre nach.

Doch irgendwann gehen auch die Zuschauer:innen hinaus. Nicht nur die letzte Performance, alle anderen Eindrücke hallen noch nach. Es ist nur schwierig, sie zusammenzubringen, sie als eindeutig auf das Überthema bezogene Aussage festzuhalten. Draußen hat sich wenig verändert, es ist bloß noch ungemütlicher geworden, noch wesentlich kälter und dunkler. Während die Künstlertruppe ihren Weg zurück in die Kunsthalle findet, betrinkt sich eine Gruppe von Jugendliche in der Nähe des Bahnhofs. Lallend skandiert einer von ihnen „Sieg Heil“, doch niemand von ihnen ist besorgt.

Das Young Urban Performance-Festival fand vom 08. bis zum 10. November 2019 zum dritten Mal statt. Es wurde mit dem Kulturförderpreis 2019 der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover ausgezeichnet.


[1]Daniel Kehlmann (*1975) ist ein deutsch-österreichischer Schriftsteller.

[2]Martin Kippenberger (1953-1997) war ein deutscher Maler, Performancekünstler und Fotograf.